
Der Traum von der Papierfabrik
Aufforsten und Geld verdienen - das waren zwei große Ziele auf den Kanarischen Inseln nach fast 500 Jahren Raubbau an den einheimischen Urwäldern. Zwar griffen schon die Ureinwohner in die Natur ein, um sich mit Brennholz und ihre Tiere mit Futter zu versorgen, doch nach der Conquista beschleunigte sich die Ausbeutung in rasendem Tempo.
Gebäude- und Schiffsbau, die Zuckerrohrfabriken, die Ausweitung von Acker- und Weidegebieten sowie der immense Bedarf an Brennholz hatten die einst dicht bewaldeten Landschaften in karge, entwaldete Böden verwandelt. Nur unzugängliche Stellen und Teile öffentliche Wälder blieben verschont.
Erst in den 1950er Jahren begann ein Umdenken. Zur raschen Aufforstung wurden auf Teneriffa, Gran Canaria und La Palma neben der Kanarischen Kiefer schnell wachsende Bäume wie Eukalyptus und ausländische Kiefernarten gepflanzt. Den Anbau der wirtschaftlich hochinteressanten Monterey-Kiefer verband man auf La Palma sogar mit dem Plan, eine Papierfabrik zu betreiben - ein Projekt, das hohe Erwartungen weckte.
Der einheimische Wald muss weichen
Dabei gab es in den 1960er Jahren gar nicht mehr so viel davon. Kurz nach der conquista, der Eroberung der Kanarischen Inseln durch das Königreich Kastilien, wurde jahrhundertelang Raubbau an den kanarischen Wäldern betrieben. Die Stämme der Kanarischen Kiefer fanden vielfältige Verwendung: im Schiffsbau, für Gebäudekonstruktionen, als Futtertröge oder Wasserkanäle. Je älter die Bäume, um so besser - denn sie enthielten das wertvolle Kernholz tea. Teilweise wurden die gewaltigen Stämme sogar direkt im Wald in speziellen Öfen verschwelt. Dabei entstand brea, ein Teer, der zum Kalfatern der Schiffe genutzt wurde.
Ob Kiefer, Baumheide, Gagelstrauch, Kanaren-Stechpalme, Indische Persea oder Lorbeerholz - alles wurde gebraucht. Weinreben, Tomatenpflanzen und später die Bananen brauchten Stützen, das Vieh Stalleinstreu, der Käse wollte geräuchert werden, Kisten und Wassertröge mussten gebaut werden. Und die wachsende Zahl der Siedler brauchte brauchte Feuerholz zum Kochen sowie Land zum Anbau von Getreide, Wein usw. Baumheide und Gagelstrauch wurden in Kohlenmeilern zu Holzkohle verkohlt. Der Holzverbrauch war enorm hoch. Dabei rodeten die traditionellen Nutzer des Monteverde, des immergrünen Laubwaldes, die Stämme der gefällten Bäume nicht. Sie waren ihnen als nachwachsende Ressourcen wichtig. Trotzdem wurde das begehrte Naturmaterial immer knapper, sodass Waldaufseher illegale Abholzungen verhindern sollten.
Obwohl auf dem ebenfalls vom Raubbau gezeichneten Teneriffa ein neues Umweltbewusstsein entstand und die zur Aufforstung eingeführten fremden Kiefern wieder durch Kanarische Kiefern ersetzt wurden, machte im Nordosten von La Palma in den 1960er Jahren eine neue Geschäftsidee dem Wald fast den Garaus. Eine Holzfabrik sollte entstehen, Papier produziert werden. Den verbleiben Bäume im hochgelegenen Bergwald ging es an den Kragen: Der Restbestand wurde abgeholzt, die Monterey-Kiefern sollten seinen Platz einnehmen. Nur an extrem schwer zugänglichen Stellen blieb der ursprüngliche Wald in Teilstücken erhalten. Ähnliches geschah in Breña Alta.

Ankunft und Anbau der Monterey-Kiefer
Die fremde Kiefer Pinus radiata stammt aus Monterey und Cambria, zwei kleinen Regionen an der Küste Kaliforniens. Außerdem wächst sie auf zwei mexikanischen Inseln.
Fachleute der Forstwirtschaft brachten um 1963 die ersten Samen nach La Palma und begannen mit der Aufzucht. In aller Eile wurde ein Wassertank gebaut, damit die zarten Pflänzchen in der Baumschule während der heißen Jahreszeit gegossen werden konnten. Von Dezember bis Februar setzten Pflanzer in den folgenden vier Jahren auf den inzwischen kahlen Flächen Tausende kleiner Kiefern, jeweils etwa 30 Zentimeter hoch.
Die Gruppen der Pflanzer bestanden aus 14 bis 16 Männern. Mein Mann begann mit 14 Jahren und war für drei Saisons lang dabei. Es war eine harte Arbeit in schwierigen Zeiten. Die Menschen im abgelegenen Norden lebten in Armut. In einfachen Stoffschuhen, mit einem übergeworfener Sack als Jacke, Gofio (kanarisches Grundnahrungsmittel aus geröstetem und gemahlenem Getreide) und ein wenig Wasser oder Wein machten sie sich früh morgens auf den langen Weg hinauf, in Höhen von rund 1000 Metern. Ein Arbeitsplatz, kalt und feucht, oft unwirtlich.
Das Setzen der Pflanzen wurde beaufsichtigt, und jede frei Fläche sollte genutzt werden - möglichst auch die Feldränder. Doch die Pflanzer wussten, dass Kiefern zu nah am Feld problematisch waren. So knickten sie manchmal heimlich die kleinen Bäumchen mit dem Daumen ab ...


Die Unterschiede
Monterey-Kiefer - Pinus radiata:
- Heimat: Monterey Gebiet in Kalifornien, USA
- Wachstum: schneller Wuchs, Krone rundlich oder schirmförmig, Stamm manchmal krumm mit vielen seitlichen Ästen. Stamm und Kronen wirken von weitem dunkler als sie sind
- Höhe: je nach Standort 15 - 30 m (selten 60 m), auf den Kanaren bis 25 m
- Nadeln: in 3er-Gruppen angeordnet, dunkelgrün, glänzend, bis 15 cm lang
- Stamm: Borke rötlich-braun, wirkt im Vergleich mit der Kanarischen Kiefer eher grau, dick mit tiefen Rissen.
- Reife Zapfen: sitzen direkt an den Ästen, an der Basis asymmetrisch geformt, 6 - 15 cm lang
Ich finde es beeindruckend, dass sie ihre mit Harz versiegelten Zapfen jahrelang am Baum behalten kann, um sie nach Waldbränden fallen zu lassen und ihre Samen so zu raschen Eroberern verbrannter Flächen werden lässt.
Hier ein toller Artikel für alle, die an neuesten fachmännischen Erkenntnissen zur Monterey-Kiefer im Lauf der Erdgeschichte interessiert sind.
Kanarische Kiefer - Pinus canariensis:
- Heimat: Kanarische Inseln
- Wachstum: langsamerer Wuchs als die Monterey-Kiefer, hat einen geraden Stamm
- Höhe: je nach Standort 25-30 m (selten 50 m)
- Nadeln: in 3er-Gruppen angeordnet, hellgrün, weich und biegsam, bis 30 cm lang
- Stamm: Borke rötlich-braun, dick, vielschichtig
- Reife Zapfen: dunkelrotbraun, breit-eiförmig, 15 - 20 cm lang
- sonstiges: wichtig für das Ökosystem. Kämmt mit ihren Nadeln das Wasser aus den Wolken
Die Kanarische Kiefer ist für ihre außergewöhnliche Widerstandskraft bekannt: Selbst nach Waldbränden oder Vulkanausbrüchen treibt sie in den meisten Fällen erneut aus. Sie bekommt noch einen extra Artikel in meinem Blog.



Projekt ohne Zukunft - die Chance für die Natur
Der Traum der großen Holz- und Papierproduktion zerbrach in Barlovento nach einem heftigen Sturm. Viele der Bäume fielen zu Boden, und es wurde deutlich, dass für eine gewinnbringende Nutzung nicht genügend Kiefern vorhanden waren. Die verbliebenden Bestände wurden fast vollständig gefällt, auf Lastwagen verladen und ins Sägewerk gebracht, wo man sie zu Paletten für den Bananenexport verarbeitete.
Mit der Zeit begann die Natur selbst das Land zurückzuerobern. Einheimische Bäume, Büsche und Blumen übernahmen die Aufforstung auf natürliche Weise. So hat der einheimische Wald einen großen Teil seines Reiches wiedergewonnen. Heute ist es eine Freude, durch dieses grüne Paradies zu wandern, in dem seltene Pflanzen gedeihen und wo selbst im Sommer fast immer Kühle und Feuchtigkeit spürbar sind.

Kommentar schreiben